20.05.2017 Radebeuler Erklärung

Der Philologenverband sieht die gymnasiale Bildung in Sachsen gefährdet!

Anlässlich des Philologentages in Radebeul haben die teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrer die folgende Erklärung verabschiedet:

Der Philologenverband fordert:

1. Erhöhung der Attraktivität des Lehrerberufs durch

Lehrer werden nicht nur in Sachsen dringend benötigt. Dass der Freistaat junge oder rückkehrwillige Lehrkräfte nicht verbeamtet, erweist sich als ein entscheidender Standortnachteil. Wenn bereits verbeamtete Kollegen in Sachsen ihren Dienst aufnehmen wollen, müssen sie ihren Beamtenstatus aufgeben. Das führt für diese Personengruppe zu einer deutlichen finanziellen Verschlechterung. Umgekehrt verhält es sich bei Referendaren, die die Möglichkeit haben, in einem anderen Bundesland als Beamte tätig zu werden.

Neben ihrer hohen Unterrichtsverpflichtung bewältigen die Kolleginnen und Kollegen an Sachsens Gymnasien vielfältige zusätzliche Aufgaben, die nicht direkt der Tätigkeit eines Lehrers zuzuordnen sind. Sowohl deren Umfang als auch der damit verbundene Zeitaufwand, z.B. für verwaltungstechnische, organisatorische  oder statistische Zusatzleistungen, haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Diese massive Arbeitsverdichtung ist für jede Lehrkraft massiv spürbar.

Um einen qualitativ hochwertigen Unterricht und effektives pädagogisches Wirken gewährleisten zu können, müssen alle Aufgabenfelder, die nicht im direkten Zusammenhang mit einer Lehrtätigkeit stehen, hinterfragt und anderen Institutionen zugewiesen werden. Diese Maßnahme dient zudem der notwendigen Gesundheitsprophylaxe der Lehrerinnen und Lehrer.

Die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts ist aufgrund der zunehmenden Heterogenität in den Klassen extrem zeitaufwendig. Zur Kompensation dieser Belastung, für Klassenleiter- und Tutorentätigkeit sowie schulorganisatorisch notwendige besondere Aufgaben sind dringend Ressourcen zur Verfügung zu stellen.

Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen erfüllen über ihren Lehrauftrag hinaus anspruchsvolle Aufgaben. Die in der Entgeltgruppe 14 zur Verfügung stehenden Stellen für Lehrer mit besonderen Aufgaben reichen nicht aus, um beispielsweise Fachkonferenzleiter, IT-Koordinatoren oder Beratungslehrer eine finanzielle Aufstiegsmöglichkeit zu bieten.

2. Erstellung eines nachhaltigen Personalentwicklungskonzepte

Der Lehrerbedarf ist vorausschauend und nachhaltig zu decken. Viele in Sachsen gut ausgebildete Gymnasiallehrer wurden und werden nicht an Gymnasien eingestellt, obwohl sie bereits jetzt - erst recht in den kommenden Jahren - dringend benötigt werden.

Gymnasiale Bildung beinhaltet mehr als die Gewährleistung des Unterrichts. Das ständige Einkürzen des Ergänzungsbereichs hat zur Folge, dass er zu großen Teilen nur noch der Absicherung notwendiger Vertretung dient. Obwohl ausreichend Bewerber für das Lehramt an Gymnasien zur Verfügung stehen, werden Stellen, die laut der gültigen Verwaltungsvorschrift besetzt werden müssen, nicht vollständig ausgereicht.

Damit das Recht auf Bildung weder quantitativ noch qualitativ gefährdet wird, gilt es Reserven vorzuhalten, um die Grundabsicherung des Unterrichts trotz Langzeiterkrankungen oder anderer Ausfälle garantieren zu können.

3. Sicherung von Qualität und Kontinuität der Lehrerbildung

Lehramtsstudiengänge sind immer noch das „fünfte Rad am Wagen“. Die wenig lehramtsspezifische Ausbildung in den Studiengängen verursacht hohe Abbruchquoten.

Einschränkende Zugangsbedingungen vor allem in den mathematisch-natur-wissenschaftlichen und künstlerisch-musischen Fächern verhindern, dass motivierte Abiturienten mit dem Berufswunsch „Lehrer“ einen Studienplatz erhalten.

In diesem Zusammenhang fordert der Philologenverband sowohl die Überprüfung der Notwendigkeit eines Numerus clausus und überhöhter Anforderungen in Aufnahmeprüfungen als auch die Anpassung der Anzahl der Lehramtsstudienplätze an den zukünftigen Bedarf. Lehramtsstudiengängen an Universitäten ist höhere Priorität einzuräumen.

Fachliche und methodisch-didaktische Professionalität bleiben dennoch Qualitätskriterien der gymnasialen Bildung. Daher darf es keine Abstriche in der Lehrerausbildung bzw. bei Einstellungsvoraussetzungen geben.

Seiteneinsteiger, die für den regulären Unterricht eingestellt werden sollen, sind nicht adäquat ausgebildet und demzufolge kein Äquivalent zu Absolventen mit 1. Staatsprüfung für das Lehramt. Es erscheint auch fraglich, ob sie innerhalb eines 18monatigen Referendariats den Qualifizierungsgrad eines grundständig ausgebildeten Lehramtsabsolventen erwerben können, da ihnen nicht nur Kenntnisse in Methodik, Didaktik, Pädagogik und Psychologie, sondern auch entsprechende Unterrichtserfahrungen aus den Blockpraktika fehlen.

4. Schaffung praxistauglicher Regelungen durch konstruktive Zusammenarbeit zwischen Praktikern und SMK

Der Philologenverband Sachsen begrüßt das neue Schulgesetz, auch wenn noch nicht alle gefundenen Regelungen vollends überzeugen können. Er warnt jedoch eindringlich vor einer Wiederholung von Fehlern bei der Umsetzung der Nachfolgebestimmungen. So verursachten zuletzt Änderungen innerhalb eines laufenden Schuljahres, z.B. bezüglich der Zugangsvoraussetzungen ans Gymnasium oder der überstürzten Änderung der Oberstufenverordnung, die mangelnde Beteiligung der betroffenen Lehrkräfte und die fehlende Kommunikation, besonders mit den Verantwortlichen an den Schulen, unnötige Unruhe an unseren Gymnasien. Sicher wären auch inhaltlich bessere Lösungen in Zusammenarbeit mit den Lehrern der Abiturstufe möglich gewesen.

Insofern kommt es jetzt darauf an, Nachfolgeregelungen des neuen Schulgesetzes - ob Oberstufenverordnung, Verwaltungsvorschrift zu Integration und Unterrichtsverpflichtung oder andere Durchführungsbestimmungen -  so zu gestalten, dass sie praxistauglich sind. Dies gelingt nicht am grünen Tisch, sondern bedarf der Einbeziehung von Praktikern, um unter anderem Schülerobergrenzen im Kurssystem oder Entlastungstatbestände für die Arbeit in der gymnasialen Oberstufe klar und rechtssicher zu regeln.

Der Philologenverband bekennt sich zum gegliederten Schulsystem, in dem jeder Schüler entsprechend seiner Fähigkeiten und Neigungen gefördert und gefordert wird. Die Integration von gesundheitlich eingeschränkten Schülerinnen und Schülern, die den fachlichen Ansprüchen des Gymnasiums gerecht werden, ist eine Selbstverständlichkeit.

Der Gesetzgeber hat für die dazu notwendigen Rahmenbedingungen zu sorgen und entsprechende Maßnahmen sowohl fest vorzugeben als auch finanziell abzusichern. Dazu gehört, bei der Neugestaltung und Umsetzung der Sächsischen Klassenbildungsverordnung darauf zu achten, dass bei der Bildung von Klassen mit Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf die neu gefundenen Gewichtungsfaktoren je nach Förderschwerpunkt in der Praxis verpflichtend einzuhalten sind. Des Weiteren müssen verbindliche Regelungen geschaffen werden, die sowohl die Unterstützung als auch die Entlastung der Kolleginnen und Kollegen, z.B. bei Verwaltungsvorgängen oder aufgrund notwendiger zusätzlicher Tätigkeiten, aber auch den Einsatz von Sozialarbeitern gewährleisten.

5. Schaffung einer zeitgemäßen digitalen Infrastruktur und Unterstützung der Kollegen mittels gezielter Fortbildungen

Die weitreichenden Veränderungen, die im Kontext der Digitalisierung auf unsere Schulen und Lehrkräfte zukommen, dürfen nicht zu Mehrbelastungen führen, die den dringend notwendigen Fortschritt an den sächsischen Schulen bremsen. Der Philologenverband sieht in der Unterstützung der Kollegen durch Fachberater für Medienbildung und „digitale Hausmeister“ dafür notwendige Voraussetzungen.

Besondere Beachtung verdient der Datenschutz, gilt es doch, nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrkräfte zu schützen. Darüber hinaus muss die "gläserne Lehrkraft", die allzeit von ihren Dienstvorgesetzten „angesprochen“ und überwacht werden kann, verhindert werden.

Und schließlich bedarf die Frage, wie das SMK im Lehramtsstudium und im Vorbereitungsdienst auf die neuen Erfordernisse reagieren will, einer Antwort. Noch sind die Angebote in Bezug auf die Medienbildung viel zu gering bzw. überhaupt nicht vorhanden.

Radebeul, den 20. Mai 2017

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Impressionen vom Philologentag 2017