07.06.2017 Offener Mitgliederbrief

Liebe Mitglieder,

„Was das Gymnasium wert ist, sieht man weniger an denen, die es besucht haben, als an denen, die es nicht besucht haben.“

Diese Aussage, von Egon Fridell 1922 geprägt und zu damaliger Zeit vielleicht auch nicht ganz ernst gemeint, verdeutlicht den Wert gymnasialer Bildung und einen Anspruch, der zu Recht auch heute noch besteht.

Aufgrund der derzeitigen Rahmenbedingungen und unübersichtlichen bildungspolitischen Situation bewegt mich die Frage nach dem Schüler- und Lehrerdasein an unseren Gymnasien auf eine ganz neue, noch nicht dagewesene Weise.

Obwohl innerhalb der letzten 25 Jahre die Ziele und Möglichkeiten gymnasialer Erziehung und Bildung in Sachsen stets klar definiert waren, fällt es heutzutage schwer sich vorzustellen, in welcher Weise wir unter den vorhandenen Gegebenheiten den gymnasialen Anspruch  der Bildung in den nächsten Jahren erhalten können.

Selbst als erfahrene Praktiker haben wir nur eine ungefähre Ahnung, was die Zukunft für uns bereithält und befürchten zunehmend, dass das, was wir in 25 Jahren mit Leidenschaft und Überzeugung aufgebaut haben, in kürzester Zeit deinstalliert wird.

Dabei bewegen uns folgende Fragen:

Wieso wusste unsere Ministerin schon kurz nach ihrem Dienstantritt, dass die „fetten Jahre“, die Zeit, in der wir in Ruhe unserer Arbeit nachgehen konnten, vorbei sind?

Weshalb sorgte diese Bezeichnung damals bei vielen von uns für großes Unverständnis und Kopfschütteln?

Wie wird es uns in Zukunft gelingen, die gymnasiale Bildungsidee nach unserem heutigen Verständnis und Anspruch zu bewahren?

Werden wir in den nächsten Jahren die Vermittlung einer breiten Allgemeinbildung mit der gymnasialtypischen Vertiefung und dem problemorientierten Eindringen in wichtige Themengebiete auf dem derzeit noch hohen Niveau gewährleisten können?

Wird es den engagierten, interessierten, hoch motivierten, stets ideenreichen, kompromissbereiten, selbstkritischen und gut ausgebildeten Gymnasiallehrer, der seine Arbeit stets verantwortungsbewusst erledigt, ständig aktiv ist und sich nie entmutigen lässt, in einigen Jahren in Sachsen noch geben?

Liebe Mitglieder,

in drei Wochen endet das 25. Schuljahr in der Geschichte unserer sächsischen Gymnasien.

Bis dahin ist noch viel zu organisieren und Papierkram zu erledigen, sind Konferenzen abzuhalten und Landheimfahrten zu begleiten.
Trotz aller Unruhe widmen wir uns denen, die unsere Arbeit interessant und wertvoll machen, nämlich unseren Schülerinnen und Schülern - gern im Sinne Martin Luthers, der einst sprach:
„Es gefällt mir kein Stand so gut, ich wollte auch keinen lieber annehmen, als ein Schulmeister zu sein.“

Denn zum Glück gibt es im Freistaat Sachsen noch immer viele Gymnasiallehrer, die ihren Beruf als Berufung ansehen und durch unsere Politiker in den letzten 25 Jahren nicht völlig aus dem Tritt gebracht werden konnten.

Obwohl wir noch nicht absehen können, was wirklich auf uns zukommt, wird sich der Philologenverband auch in Zukunft dafür einsetzen, die Interessen seiner Mitglieder mit allen Mitteln zu wahren.
Dafür werden wir auch Ihre Unterstützung benötigen.

Zum Abschluss wünsche ich Ihnen viel Kraft für die Aufgaben der nächsten Tage und vor allem erholsame Sommerferien.

Frank Haubitz

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