29.11.2017 Offener Brief des PVS an die Abgeordneten der Fraktionen von CDU und SPD im Landtag

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete der Regierungsfraktionen im Sächsischen Landtag,


mit großer Besorgnis blicken die Mitglieder des Philologenverbandes Sachsen in die Zukunft der Bildungslandschaft unseres Freistaates.


Die Situation an unseren Schulen, der sich immer deutlicher abzeichnende Lehrermangel und die daraus folgenden Konsequenzen veranlassten uns bereits in den letzten Jahren wiederholt, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. So nutzten wir neben persönlichen Kontakten eine Reihe öffentlicher Diskussionsveranstaltungen zur Problematik, um unsere Vorstellungen darzulegen und brachten uns darüber hinaus wiederholt erfolgreich in bildungs- und berufspolitische Debatten ein. Die Zusammenarbeit mit den Vertretern des Kultusministeriums war in den letzten Jahren stets von Offenheit und konstruktivem Gestaltungswillen beider Seiten geprägt.


Mit seinem Schulleiterbrief vom 15. November 2017 verdeutlichte Herr Kultusminister Haubitz sowohl die Situation an den Schulen als auch seine Vorstellungen für die  Lösung der vorhandenen Probleme. Die im Schreiben vorgeschlagenen Maßnahmen finden die Zustimmung des Philologenverbandes als Vertretung der Gymnasiallehrer in Sachsen.


Lehrer werden nicht nur in Sachsen dringend benötigt. Dass der Freistaat junge oder rückkehrwillige Lehrkräfte nicht verbeamtet, erweist sich als ein entscheidender Standortnachteil. Wenn bereits verbeamtete Kollegen in Sachsen ihren Dienst aufnehmen wollen, müssen sie ihren Beamtenstatus aufgeben. Das führt für diese Personengruppe zu einer deutlichen finanziellen Verschlechterung. Umgekehrt verhält es sich bei Referendaren, die die Möglichkeit haben, in einem anderen Bundesland als Beamte tätig zu werden. Vor diesem Hintergrund begrüßt der Philologenverband Sachsen die Absicht des sächsischen Kultusministers, Lehrkräften bis zum Alter von 46 Jahren ab dem Jahr 2019 die Verbeamtung zu ermöglichen, ausdrücklich. Der PVS unterstützt ebenso die Pläne von Frank Haubitz, ältere Lehrerinnen und Lehrer besser zu bezahlen und so eine Gerechtigkeitslücke in sächsischen Lehrerzimmern gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Das exzellente Abschneiden der sächsischen Schülerinnen und Schüler bei bundesweiten Vergleichen ist im Wesentlichen der Leistung ihrer Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken. Gymnasiallehrer haben außerdem eine besondere Verantwortung in ihrer Lehrtätigkeit: Sie bereiten auf das Abitur vor und entwickeln die Studierfähigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler. Ihre Höhergruppierung in die E 14 würde die verdiente Würdigung ihrer Arbeit bedeuten und gleichzeitig die Attraktivität des Gymnasiallehrerberufs in Sachsen steigern.


Neben ihrer hohen Unterrichtsverpflichtung bewältigen die Kolleginnen und Kollegen an Sachsens Gymnasien vielfältige zusätzliche Aufgaben, die nicht direkt der Tätigkeit eines Lehrers zuzuordnen sind. Sowohl deren Umfang als auch der damit verbundene Zeitaufwand, z.B. für verwaltungstechnische, organisatorische oder statistische Zusatzleistungen, haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Im Interesse der weiteren Qualitätsentwicklung der sächsischen Gymnasien und der langfristigen Sicherung des Arbeitsvermögens der Kolleginnen und Kollegen ist es notwendig, die im Schulleiterbrief angedachten Maßnahmen zur Entlastung schnellstmöglich umzusetzen und darüber hinaus zum Regelstundenmaß von 24 Unterrichtsstunden zurückzukehren.


Um einen qualitativ hochwertigen Unterricht und effektives pädagogisches Wirken gewährleisten zu können, müssen alle Aufgabenfelder, die nicht im direkten Zusammenhang mit einer Lehrtätigkeit stehen, hinterfragt und anderen Institutionen zugewiesen werden. Diese Maßnahme dient zudem der notwendigen Gesundheitsprophylaxe der Lehrerinnen und Lehrer. Die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts ist aufgrund der zunehmenden Heterogenität in den Klassen extrem zeitaufwendig. Zur Kompensation dieser Belastung, für Klassenleiter- und Tutorentätigkeit sowie schulorganisatorisch notwendige besondere Aufgaben sind dringend Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Die geplante Klassenleiterstunde kann ein Weg sein, auf dieser Ebene Entlastung und Anerkennung zu bieten.


Gymnasiale Bildung beinhaltet mehr als die Gewährleistung des Unterrichts. Das ständige Einkürzen des Ergänzungsbereichs hat zur Folge, dass er zu großen Teilen gerade noch der Absicherung notwendiger Vertretung dient. Obwohl ausreichend Bewerber für das Lehramt an Gymnasien zur Verfügung stehen, werden Stellen, die laut der gültigen Verwaltungsvorschrift besetzt werden müssen, nicht vollständig ausgereicht. Damit das Recht auf Bildung weder quantitativ noch qualitativ gefährdet wird, ist für den Philologenverband das Vorhalten von Reserven, um die Grundabsicherung des Unterrichts trotz Langzeiterkrankungen oder anderer Ausfälle garantieren zu können, unabdingbar. Die im Schulleiterbrief geäußerte Absicht, schrittweise zu einem Ergänzungsbereich von 100 % zurückzukehren, gilt es zu unterstützen.


Zum Erhalt ihrer Arbeitskraft bleibt vor allem älteren Kollegen derzeit nur die Verminderung der Unterrichtsverpflichtung unter Verringerung ihres Einkommens verbunden mit sinkenden Rentenansprüchen. In Würdigung ihrer Lebensarbeitsleistung verdienen sie flexible Altersübergangsregelungen mit fairen Konditionen, z. B. das Modell 50+ des PVS. Damit könnten ältere Lehrkräfte, die das sächsische Bildungssystem über mehr als zwei Jahrzehnte erfolgreich gestaltet haben, ein Stück Entlastung erfahren.


Die Lehrtätigkeit am Gymnasium setzt eine den spezifischen Anforderungen der Arbeit in dieser Schulform entsprechende Ausbildung voraus. Der zunehmende Einsatz von Seiteneinsteigern führt zur Minderung der Qualität der Bildung und weiteren Demontage des Berufsstandes. Die Deckung des Lehrkräftebedarfs an Gymnasien erfordert konstruktives Handeln der politisch Verantwortlichen, z. B. in Bezug auf Einstellungen, auf die Überprüfung der Zugangsvoraussetzungen und Eignungsprüfungen der Hochschulen in Mangelfächern wie Musik und Kunst oder auch der Frage nach Anreizen für die Aufnahme einer Tätigkeit im ländlichen Raum.


Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, mit jedem Tag spitzt sich die Situation an den sächsischen Schulen schulartübergreifend weiter zu. Werden Sie jetzt dem Auftrag Ihrer Wähler gerecht: Gewährleisten Sie durch geeignete Maßnahmen, „dass auch in Zukunft vor jeder Klasse ein gut ausgebildeter und motivierter Lehrer steht“, was der CDU-Fraktionsvorsitzende Frank Kupfer ja bereits zusagte. Unterstützen Sie Kultusminister Haubitz, indem sie mit ihm sowohl über das kurzfristig Umsetzbare als auch das langfristig Notwendige sprechen! Investieren Sie nachhaltig in die Bildungslandschaft Sachsens und sichern Sie so die Zukunft der nachfolgenden Generationen!

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